Viele Menschen verwechseln Authentizität mit einem “Freifahrtscheinverhalten”, sie könnten ja alles tun und lassen, weil sie eben “ganz sie selbst” wären. In diesem Satz stecken so viele Fragen und ich möchte diese mit euch ein wenig näher besprechen und diskutieren. Was bedeutet eigentlich “authentisch sein” und warum hört man so oft, dass man eben nicht authentisch sein sollte, zum Wohle der Mitmenschen?

Authentizität bedeutet, dass man in Einklang mit seinen innersten Werten und seinem innersten “Ich” schwingt, doch was sind denn eigentlich die innersten Werte und wer bin ich? Diese Fragen stellen sich zwangsläufig und können nicht mit einer simplen Multiple-Choice Antwort gelöst werden. Die innersten Werte beschreiben Dich wie Du wirklich bist und was Dich ausmacht. Spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass diese Frage komplexer ist, als man denkt.

Auf verschiedenen Ebenen, Bewusstsein und Unterbewusstsein, spielen sich Prozesse ab. Die Dreiteilung in das Super-Ego, das Ego und die ID ist sehr vereinfacht dargestellt, doch zeigt am Besten auf, mit welchen komplexen Sachverhalten wir uns ständig bewusst und unterbewusst beschäftigen. Das Super-Ego stellt Moralvorstellungen und ethische Fragen in den Raum, die ID ist für rudimentäre Wünsche wie Essen, Trinken, Wohlbefinden, Überleben etc. zuständig und dazwischen vermittelt das Ego oder versucht es zumindest. Das Ego ist im konstanten Zwiespalt mit diesen zwei “Kräften” (vereinfacht gesprochen).

An dieser Stelle muss ich betonen, dass es so viel dazu zu sagen gäbe, dass es mir leider schwer fällt, dies nicht zu tun. Nur am Rande bemerkt: Der Knackpunkt und der Schlüssel zum “Erfolg” in jeglicher Hinsicht ist Synchronizität und Ausgeglichenheit. Und ich spreche hier nicht von einer bewussten, sondern unterbewussten Ausgeglichenheit, eine Welle, die völlig in Einklang mit ihrer Umgebung zu sein scheint. Dies mag sich vielleicht sehr spirituell anhören und ist Dir jetzt vielleicht zu abgefahren, aber ich werde im Laufe meiner Artikel dezidierter darauf zu sprechen kommen und vielleicht hast Du ja auch schon so etwas Ähnliches erleben können.

Um darauf zurückzukommen, das eigene “Ich” lässt sich nicht so einfach erklären. Ich möchte euch trotzdem direkt sagen, was ich auf meiner Reise gelernt habe: Das wahre Ich ist das sich in genau diesem Moment befindende, ständig veränderte Bewusstsein.

Muss man vielleicht ein wenig sacken lassen und darüber nachdenken, was hier aber extrem wichtig ist, bevor man das versteht: Jedes Konzept oder Glaubenssystem, das man bisher kennengelernt hat, basiert auf von Menschen erfundenen Logiken, außer den physikalischen/naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Wir haben dadurch eine Möglichkeit zu beschreiben, wie die Realität ist, warum etwas auf den Boden fällt, wenn wir es fallen lassen. Übertragen wir diese Methodik aber auf den Menschen oder auf die Psyche etc. dann stellen wir schnell fest, dass die Suche nach der “Wahrheit”/”Realität” oder “Wahrhaftigkeit” schnell in das Philosophische abdriftet.

Durch die Neurowissenschaft haben wir eine Methodik gefunden, um zu erklären, wie wir biochemisch funktionieren. Das bietet enormes Potenzial und auch Möglichkeiten, Themen wie Neuroplastizität, Veränderung des Hirns durch Gedanken und aktive Steuerung, sind erst der Anfang. Es gibt kein “Ja” oder “Nein”, sondern realistisch betrachtet eher die Aussage, “es besteht die Chance, dass …”! Das ist so wichtig zu verstehen, es gibt in der Realität keine absolute Wahrheit – Punkt! Ich möchte jetzt nicht zu sehr ins Details gehen, aber erlaube mir nur folgende Anmerkungen: Egal ob wir im Makrokosmos oder im Mikrokosmos nach einer Antwort suchen, nichts ist absolut oder deterministisch, vielmehr verdichten sich Wahrscheinlichkeiten – somit ist in der Theorie Nichts unmöglich!

Genug abgedriftet, back to Topic: Authentisch zu sein bedeutet – wie wir eben kurz erfahren konnten – viel mehr, als seinen Namen laut zu sagen oder in den Spiegel zu schauen. Bevor wir authentisches Handeln anwenden können, müssen einige Fragen im Vorfeld geklärt werden. Was nehmen wir also für uns mit? Authentisch zu sein, bedeutet nicht etwa eine falsche Überheblichkeit, selbstgerechtes Handeln, Egoismus, eine übertriebene Direktheit und Ähnliches, sondern eher der Einklang mit dem eigenen “Ich” zu finden.

Der Spruch “verstell Dich nicht” oder “bleib so wie Du bist” ist für mich unerträglich, so bleiben wie man ist, geht nicht und ist auch biologisch/physiologisch unmöglich. Selbst auf neuronaler Ebene ist dies nie möglich, wir verändern in jeder Millisekunde (genauer genommen in jeder kleinst messbaren Zeiteinheit) uns ständig. Was dieser Satz eigentlich bedeutet ist folgendes: Klammer Dich an alte Glaubenssysteme und Muster, versuche nie, Deinen Horizont zu erweitern und bitte: finde niemals zu Dir selbst!

Ein bisschen provokant? Vielleicht, aber es ist eben ein Spiegelbild von dem, was wir tagtäglich erleben und erfahren: Wir zwängen uns selbst in Glaubenssysteme und denken, wir würden verstehen, wie die Welt funktioniert und tickt. In Wahrheit schließen wir uns in ein eigens gebautes Gefängnis, von dem wir nie ausbrechen können. Ständig sind erfolgreiche Menschen oder besondere Persönlichkeiten “anders” oder hatten nur Glück, in Wahrheit unterscheidet uns rein gar nichts und wir sind alle gleich. Der Unterschied liegt darin, dass jeder einzigartig ist und bestimmte Fähigkeiten hat, klingt paradox? Vielleicht nur im ersten Moment, wenn man aber ein bisschen darüber nachdenkt, erkennt man es schnell.

Die Aussage, “Sei bitte nicht authentisch, zum Wohle Deiner Mitmenschen” oder Ähnliches ist absoluter Schwachsinn und setzt voraus, dass der Urheber dieser Aussage gar nicht versteht, was Authentizität wirklich bedeutet. In der Menschheitsgeschichte haben sich so viele bekannte Persönlichkeiten dazu geäußert, jegliche Interpretation beschreibt eine Art von “Echtheit”, dem sind sich alle irgendwie einig. Trotzdem besteht eine große Uneinigkeit darüber, was Echtheit bedeutet und wer wir wirklich sind. Meiner Meinung nach kommen wir hier auch an eine Grenze, wenn wir dies kommunizieren wollen, denn Sprache an sich ist der erste große “Filter”, wenn wir uns erklären wollen. Jeder nimmt Dinge subjektiv wahr, daher ist die Wahrnehmung von unserer alltäglichen “Realität” zusätzlich ein großer Filter, man muss sich das so vorstellen:

Jeder kann nur für sich selbst herausfinden, wer er wirklich ist und was dies individuell bedeutet. Dies zu kommunizieren ist nur eine Annäherung und Wahrscheinlichkeit, die Richtung aufzuzeigen, aber niemals die absolute “Wahrheit”. Der Fakt, dass wir uns in jedem Moment verändern uns dessen bewusst sind, setzt unlimitiertes Potenzial frei, das darüber Reflektieren und Nachdenken, lässt uns aber immer wieder aus diesem Zustand “herausrutschen”. Meditation ist eine gute Übung, wie man praktisch den Zustand erfahren kann, manche sprechen von “Erleuchtung”, ich persönlich interpretiere das als bewusstes Wahrnehmen des Unbewussten ohne bewertende Gedanken und die Welle der Präsenz im Hier und Jetzt.

Abschließend möchte ich anmerken, dass dies ein Ergebnis der letzten 29 Jahre ist, Erfahrungen und persönliche Meinungen. Ich merke sehr schnell und auch gerade wieder in diesem Augenblick, wie wenig ich weiß, trotzdem bin ich um jeden Moment dankbar, in dem ich ein wenig Einsicht erlangen konnte. Zudem setzen die verfassten Gedanken ein extrem offenes Weltbild voraus und fördern meiner Meinung nach ein kritisches und selbst-reflektierendes Denken.

Dies würde ich als Versuch beschreiben, sich daran anzunähern, wer man wirklich ist und jetzt sagt mir bitte noch einmal, “bleib so, wie Du bist …”.

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